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Sozialethische Gespräche 2012: Im Schatten der Krise

24. Juni 2012
Msgr. Prof. Dr. Peter Schallenberg

Zum Thema "Von der Euro-Krise zur Krise Europas?" trafen sich über 100 Sozialethikerinnen und Sozialethiker sowie viele Interessierte vom 15. bis 16. Juni im Ratssaal des Rathauses Abtei in Mönchengladbach. Die Sozialethischen Gespräche, die die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle in Kooperation mit der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) ausrichtete, nahm dabei die wohl drängendste Herausforderung in den Blick, der sich die europäische Gemeinschaft und vor allem die Eurozone stellen muss. Gerade bei diesem Thema wurde deutlich, wie wichtig das Gespräch und der Austausch über nationale Grenzen hinweg sind. Die Finanz- und Schuldenkrise ist kein nationales Problem, weswegen es auch nicht auf nationaler Ebene gelöst werden kann. In diesem Punkt waren sich die internationalen Referenten und Podiumsteilnehmer einig.


Nach den Begrüßungsworten des Oberbürgermeisters der Stadt Mönchengladbach, Norbert Bude, und der thematischen Hinführung durch den Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, Msgr. Prof. Dr. Schallenberg, beschrieb der Erzbischof von Luxemburg, Exzellenz Jean-Claude Hollerich, in einer historischen Annäherung das "Projekt Europa". Dieses komme, angesichts der heutigen Herausforderungen, nicht umhin, ein Europa der zwei Geschwindigkeiten zu implementieren. Im Anschluss daran wurden die volkswirtschaftlichen Grundlagen der aktuellen Krise von Dr. Richard Böger, Vorstandsvorsitzender der Bank für Kirche und Caritas Paderborn, erläutert, der sich in diesem Zusammenhang für das Konzept der Eurobonds stark machte. Nur so könne, so der Volkswirt, die Krise wirklich nachhaltig eingedämmt werden.


Das anschließende Panel unter der Leitung von Dr. Matthias Belafi, Geschäftsführer der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, stand unter dem Leitthema der europapolitischen Herausforderungen der gegenwärtigen Krise. Das international besetzte Podium gab den Teilnehmern zunächst die Möglichkeit für ein grundlegendes Statement, bevor auch das engagierte Publikum in die Diskussion integriert wurde. Elmar Brok als Abgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments vertrat gemeinsam mit Luca Jahier, Präsident der dritten Gruppe des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses, die politische Dimension während der Diskussion. Dr. Peadar Kirby, Professor für Internationale Politik und "Public Policy" an der Universität Limerick, stellte die Krise vor allem aus irischer Sicht dar. Er optierte für  eine neue Sichtweise der einzelnen Mitgliedsländer, die bisher vor allem von der Europapolitik profitiert hatten. Nun sei  es an der Zeit, so der Politikwissenschaftler, dass auch sie sich fragen müssen, was sie für Europa tun können. Schließlich betonte der Vize-Präsident der Fondation-Robert-Schuman, Jacques Rigaud, die Wichtigkeit eines erneuerten europäischen Denkens. Dabei hob er vor allem auf die Gründungsidee der Europäischen  Gemeinschaft ab, die bis in die Gegenwart eine lange Epoche des Friedens begründete.


Der Beginn des zweiten Sitzungstages stand im Zeichen des Begriffes der "Säkularisierung", der von Prof. DDr. Holger Zaborowski hinsichtlich seiner Bedeutung für den politischen Diskurs aufgeschlüsselt wurde. Im darauf folgenden Podium unter der Leitung von Dr. Arnd Küppers wurde die historisch-politische und sozialethische Perspektive in den Blick genommen. Neben Prof. Dr. Ingeborg Gabriel von der Universität Wien und dem Historiker Dr. Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz, trugen Prof. Dr. Pierre de Charentenay SJ, Herausgeber und Chefredakteur der französischen Zeitschrift Études und Weihbischof Msgr. Theodorus C. M. Hoogenboom aus der Erzdiözese Utrecht mit ihren Beiträgen wesentlich zum großen Erfolg der Tagung bei. Der Ertrag der beiden Tage, so betonte der Generalsekretär der COMECE Msgr. Prof. Dr. Piotr Mazurkiewicz während seines Schlusswortes, zeigte sich dem entsprechend in der Erkenntnis, dass Europa als unverzichtbare Idee noch unumstritten ist. Der Streit um die Art und Weise dieses Projekt allerdings durch die Krise zu führen, dürfe die Grundidee des europäischen Projekts nicht gefährden.


Die Wichtigkeit des europäischen Blickpunktes, der während der Sozialethischen Gespräche herausgestellt werden sollte und der im Zuge der europäischen und mithin globalen Herausforderungen unerlässlich erscheint, wurde durch die Teilnehmer aus acht Mitgliedsländern der Europäischen Union gewährleistet. Diese europäische Perspektive, so Msgr. Prof. Dr. Schallenberg in seinem abschließenden Statement, soll im nächsten Jahr besonders hinsichtlich der neuen Herausforderungen in Osteuropa erweitert werden.