Sie sind hier: Aktuelles der KSZ » Sozialethische Gespräche am 27. und 28. Mai 2011 in Mönchengladbach

Sozialethische Gespräche am 27. und 28. Mai 2011 in Mönchengladbach

1. Juni 2011

Am 27. und 28. Mai 2011 fanden die diesjährigen Mönchengladbacher Gespräche statt, die die KSZ gemeinsam mit der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) gestaltete. Im Ratssaal der Stadt Mönchengladbach trafen sich mehr als hundert Sozialethiker und Sozialwissenschaftler aus ganz Europa, kirchlich und gesellschaftlich Engagierte sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger zum Tagungsthema „Soziale Marktwirtschaft in der Europäischen Union“.


Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise, der hohen Verschuldung einiger EU-Staaten und den Unsicherheiten in der Eurozone verfolgte die Tagung das Ziel, nach den gemeinsamen Werten zu fragen, die die Länder Europas mit der Sozialen Marktwirtschaft verbinden. Der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“, der vorwiegend in Deutschland geprägt wurde, wird in den Ländern der Europäischen Union teilweise unterschiedlich rezipiert und ausgestaltet.


Zu den zentralen Tagesordnungspunkten der Mönchengladbacher Gespräche gehörte die Diskussion des Entwurfs eines COMECE-Dokuments über eine „Wettbewerbsfähige Soziale Marktwirtschaft in Europa“. Mit diesem Papier will die Kirche keine eigenen wirtschaftlichen oder politischen Modelle entwickeln, sich aber in einer Frage zu Wort melden, die die Menschen existenziell berührt. Prof. Dr. Markus Vogt, Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, führte in den vorgelegten Entwurf ein. Dabei sprach er insbesondere das von vielen wahrgenommene Spannungsverhältnis von Wettbewerb und Solidarität an. Er betonte, dass ein vom Wettbewerb bestimmter Markt durch wirkungsvolle Regulierungen Wege zu mehr Gerechtigkeit weisen könne. Gleichwohl dürfe der Markt und seine innere Logik nicht alle Lebensbereiche durchdringen und dominieren.


Im Anschluss an das Referat hatten die Teilnehmer der Tagung die Möglichkeit, ihre eigenen Positionen und Überlegungen zu artikulieren. Sehr schnell zeigte sich, dass diese Form eines „Werkstattgesprächs“ auf große Resonanz stieß. In den zahlreichen Wortmeldungen spiegelten sich unterschiedliche Perspektiven und Anschauungen. Es gelang, ein breites Spektrum sozialethischer Expertise und gesellschaftlicher Praxiserfahrung an der Erarbeitung des kirchlichen Dokuments zu beteiligen.


Wichtige Impulse erhielt die Tagung von den Vorträgen, die an den beiden Tagen gehalten wurden. Prof. Dr. Philippe Herzog, Direktor des Think Tanks „Confrontations Europe“ und Sonderberater von EU-Kommissar Michel Barnier, setzte sich mit dem Prinzip der Solidarität bei der Erneuerung des europäischen Marktes auseinander. Prof. Dr. Stefano Zamagni von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bologna erläuterte sein Modell einer Civil Econmy, das Wachstum nicht auf materielle Faktoren eingrenzt und menschliches Miteinander im Sinne von Brüderlichkeit ermöglicht. Sozialethische bzw. ordnungspolitische Anmerkungen zur Sozialen Marktwirtschaft in Europa lieferten Prof. Dr. Gerhard Kruip von der Theologischen Fakultät der Universität Mainz und Dr. Karen I. Horn, Leiterin des Hauptstadtbüros des Instituts der deutschen Wirtschaft, Berlin. Mit Bezug auf die wirtschaftspolitischen Grundsätze und Prinzipien Walter Euckens nahm Frau Dr. Horn Evaluation der derzeitigen europäischen Wirtschafts- und Währungspolitik vor. Der Präsident von UNIAPAC Europa und Stellvertretende Bundesvorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer, Burkhard Leffers, und Prof. Dr. André Habisch (Katholische Universität Eichstätt) sprachen zum Abschluss der Tagung über das Thema der unternehmerischen Verantwortung in einer Sozialen Marktwirtschaft.


Die Tagungsreferate werden demnächst in einem Sammelband veröffentlicht werden.

 

Kultureller Höhepunkt der Tagung war die Erste Vesper aus dem Reimoffizium „Regali natus“ zu Ehren Karls des Großen in der Münsterbasilika der Stadt Mönchengladbach. Gerade die Erinnerung an den heiligen Karl den Großen führt uns vor Augen, dass Europa als gemeinsamer Kulturraum verstanden werden darf.

 

Als sehr angenehm wurde auch der Empfang im Haus der Erholung am Freitagabend empfunden, der die Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen der Gäste aus Europa bot.