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Sozialethische Gespräche am 14. und 15. Juni 2013 in Mönchengladbach

18. Juni 2013
Ratssaal der Stadt MG, Foto: Christian Dick

Was hält Europa zusammen?        

Am 14. und 15. Juni 2013 fanden die diesjährigen Mönchengladbacher Gespräche statt, die die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle (KSZ) seit nunmehr drei Jahren in Kooperation mit der Kommission der Bischofskonferenzen in der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) ausgestaltet. Im Ratssaal der Stadt Mönchengladbach trafen sich ca. 100 Vertreter des Faches Christliche Sozialethik, kirchlich und gesellschaftlich Engagierte sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger zum Tagungsthema „Was hält Europa zusammen?“. Mit dieser grundsätzlichen Frage wollte die Tagung einen Beitrag zur Vergegenwärtigung der kulturellen Grundlagen Europas liefern und zugleich Perspektiven aufzeigen, wie die kulturelle Identität unseres Kontinents für die weitere Gestaltung der europäischen Integration nutzbar gemacht werden kann. Durch die Zusammenarbeit mit der COMECE, die inzwischen zu einem Markenzeichen der Mönchengladbacher Gespräche geworden ist, gewann die Tagung ein für die Themenstellung adäquates, europäisch ausgerichtetes Format.

 

Nach den Begrüßungsworten des Oberbürgermeisters der Stadt Mönchengladbach, Norbert Bude, und der thematischen Einleitung durch den Direktor der KSZ, Msgr. Prof. Dr. Schallenberg, referierte der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset zum Thema „Ecclesia in Europa“. Erzbischof Périsset erinnerte daran, dass die dem europäischen Einigungsprozess zu Grunde liegenden Verträge in der christlichen Tradition wurzeln und die Christen aller Länder zur Übernahme von Verantwortung beim Aufbau eines geeinten Europas berufen seien. Ähnlich äußerte sich auch der renommierte französische Philosoph Prof. Dr. Rémi Brague, der über das Verhältnis von Kultur und Christentum in Europa sprach. Für ihn sind vor allem ethische Werte Kern des christlichen Propriums, so dass der Christ dort, wo andere nur das Biologische oder Wirtschaftliche vernehmen, den dahinter stehenden Menschen mit seiner unveräußerlichen Würde erblickt. In dem anschließenden Podiumsgespräch, das unter dem Motto „Kirche und Christen in Europa“ stand und international besetzt war, wurden die angesprochenen Überlegungen vertieft. Moderiert von Prof. Schallenberg, gaben die einzelnen Teilnehmer zunächst ein grundlegendes Statement ab, bevor dann auch das Publikum in die Diskussion mit einbezogen wurde. Frau Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg erläuterte, weshalb soziale Gerechtigkeit, eine Kultur der Barmherzigkeit sowie Menschenwürde zu den identitätsstiftenden Kriterien Europas gehören. Msgr. Prof. Dr. Martin Schlag von der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom empfahl den Menschen in Europa eine Rückkehr zur ursprünglichen Spiritualität und der Leiter von Iusitita et Pax in der Ukraine, Dr. Mykhylo Melnyk, setzte sich mit der europäischen Perspektive der Ukraine auseinander. Interessant waren auch die Beiträge von Prof. Brague und Erzbischof Périsset, die ihre schon entfalteten Thesen noch einmal argumentativ belegten.

 

Mit einer Pontifikalvesper in der Münsterbasilika und einem Empfang im Haus „Erholung“ wurde der erste Konferenztag abgeschlossen.

 

Der zweite Sitzungstag, dem eine Bischofsmesse in der Krypta der Münsterbasilika voranging, wurde mit einem Vortrag des Botschafters der Republik Polen bei der Europäischen Union, Dr. Marek Prawda, eröffnet. In seinem Referat, das den weit gefassten Themenbereich „Die Zukunft der Europäischen Union“ in den Blick nahm, konzentrierte sich Prawda auf die innereuropäische Solidarität in Zeiten der Krise, wobei er an die Staaten appellierte, mehr Souveränitätsrechte auf die europäische Ebene zu übertragen. Damit lag er auf der Linie des nachfolgenden Redners, Henning vom Stein, der als Senior Project Manager des von der Bertelsmann-Stiftung aufgelegten Programms „Europas Zukunft“ über die Frage „Das Projekt der europäischen Einigung am Scheideweg?“ referierte. Henning vom Stein zeigte sich überzeugt, dass alle anstehenden Richtungsentscheidungen an Qualität und Tragfähigkeit gewinnen, wenn sie im Rahmen der EU gemeinsam getroffen werden. Insofern plädierte er auch  für die Herausbildung gesamteuropäischer Parteien, die zur Entflechtung der Politik von nationalen Egoismen beitragen könnten. Diese Positionen griffen die beiden Referenten dann noch einmal in einer weiteren Podiumsdiskussion auf, die von Dr. Arnd Küppers, Stellvertretender Direktor der KSZ, geleitet wurde und an der auch Prof. Dr. Stanislaw Fel, Lehrstuhlinhaber an der Katholischen Universität Lublin, und Dr. Stephen Bartulica von der Katholischen Universität Zagreb beteiligt waren. Dr. Bartulica skizzierte in seinen Ausführungen die politische Lage Kroatiens und wies darauf hin, dass die christlichen Wertgrundlagen noch immer als wichtige Bindekräfte sowohl innerhalb seines Landes als auch im europäischen Kontext wirken. Den bevorstehenden EU-Beitritt Kroatiens wertete er dementsprechend positiv. Prof. Fel hob die hohe Wertschätzung hervor, die die Europäische Union in der polnischen Bevölkerung findet. Angesichts der auch in Polen wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich würden viele Menschen die EU-Mitgliedschaft als Chance zu mehr sozialer Gerechtigkeit erachten. Sehr gewinnbringend war schließlich der beim Podiumsgespräch geführte Dialog mit dem Publikum. Viele Facetten der angesprochenen Themen konnten konkretisiert oder näher begründet werden, wobei sich die Wortmeldungen des Plenums in einigen Fragen von den Auffassungen der Referenten unterschieden. So wurde dem Postulat nach weiterer Vergemeinschaftung durch gesamteuropäische Parteien ein Entwurf entgegengesetzt, der ein Europa der Vielfalt und der Regionen projiziert.

 

Am Ende der Tagung konnte der Generalsekretär der COMECE, Dr. Patrick Daly, in seinem Schlusswort resumieren, dass das christliche Erbe auch in der Gegenwart ein wichtiges Bindeglied der europäischen Länder ist und die Identitätsfindung einer jeden Nation in Europa stattfinden darf.

 

Den daraus für die EU erwachsenden Perspektiven wollen die Mönchengladbacher Gespräche im nächsten Jahr nachgehen und sich insbesondere den transatlantischen Beziehungen zu den USA widmen.