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Sozialethische Gespräche in Mönchengladbach


Die katholische Sozialwissenschaft besitzt in Deutschland eine lange Tradition. Schon vor Wilhelm Emmanuel von Ketteler gab es Katholiken, die sich über die mit der arbeitsteiligen Wirtschaftsgesellschaft und der Trennung von Arbeit und Kapital entstehenden „Sozialen Frage“ Gedanken machten und gegen die Verelendung der Arbeiter zu Felde zogen. Der Mainzer Bischof hat die Verantwortung der Kirche und der Katholiken für die menschenwürdige Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft und die Reform der bestehenden Zustände eingefordert und Maßstäbe gesetzt. Seit den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts wuchs die christlich-soziale Bewegung stark an und es mehrten sich die Bemühungen, christliche Wertorientierungen für die soziale Neuordnung fruchtbar zu machen. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg gab es verschiedene Zentren, in denen katholische Sozialwissenschaftler und Gleichgesinnte zusammenarbeiteten.


Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland war die Katholische Soziallehre sehr gefragt, an fast allen Katholisch-Theologischen Fakultäten wurden Lehrstühle für Christliche Gesellschaftslehre eingerichtet.

Noch mehr als die personelle Erweiterung der katholischen Sozialwissenschaft legten die unterschiedlichen Auffassungen in einigen Bereichen die Einrichtung einer Art runden Tisches nahe, an dem die katholischen Sozialwissenschaftler die Ordnungsprobleme in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik diskutieren und ihre Positionen und Begründungen im Gespräch einbringen konnten. Dies wurde um so dringlicher, je mehr das Problem der Mitbestimmung einen Graben mitten durch die katholische Sozialwissenschaft aufzuwerfen drohte. Seit dem Bochumer Katholikentag gab es die Befürworter und die Gegner der sogenannten paritätischen Mitbestimmung. Die Unterschiede und Spannungen brachen nach dem Tode Pius XII. immer schärfer hervor.


In dieser Situation faßte die KSZ den Plan, alle Sozialethiker und Vertreter der Christlichen Gesellschaftslehre zu einer Tagung nach Mönchengladbach einzuladen, um die Mitbestimmung zu diskutieren. Es gelang, die Befürworter und die Gegner der „paritätischen“ Mitbestimmung an einen Tisch zu bringen. Diese Zusammenkunft, sie fand im Mai 1968 statt, konnte zwar die Gegensätze in der Sache nicht ausräumen, aber es war wichtig, daß man aufeinander hörte, miteinander sprach und diskutierte. Dabei stellte sich auch heraus, daß die gemeinsamen Grundlagen sehr viel breiter waren als die Differenzen in der Mitbestimmungsfrage.


Diese erste Sozialethikertagung hat auch gezeigt, daß ein regelmäßiger Gedanken- und Meinungsaustausch über Grundlagenprobleme der Katholischen Soziallehre ebenso wie über aktuelle Fragestellungen und Lösungsmöglichkeiten in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik dringend notwendig ist. Man faßte den Plan, fortan im Turnus von zwei Jahren zusammenzukommen. Seit 1976 finden die Sozialethiker-Tagungen jährlich in Mönchengladbach statt. Die Einladung richtet sich an Lehrstuhlinhaber und Dozenten des Faches Christliche Gesellschaftslehre an den Katholisch-Theologischen Fakultäten der Universitäten und kirchlichen Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland und den benachbarten europäischen Ländern, ebenso an Nachwuchswissenschaftler und katholische Sozialverbände sowie an interessierte Wissenschaftler und Praktiker.


Seit dem Jahre 2011 richtet die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle die Sozialethischen Gespräche in Kooperation mit der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft  (COMECE) aus. Dadurch gewinnt die Tagung einen dezidiert europäischen Charakter und etabliert sich als Diskussionsforum für sozialethische Fragen in Europa